Willkommen
|
Facebook Twitter Google Plus
24.03.2017 - 03:34
Foto: Filmladen

"Elle": Vergewaltigt im eigenen Haus

22.02.2017, 15:33

Eine vergewaltigte Frau, die sich von dem Gewaltakt nicht zerstören lässt, sondern diesen als Chance zur Selbstermächtigung nutzt - und zur kühlen Rache. Diesen ungewöhnlichen Ansatz wählt Paul Verhoeven für seinen ersten Spielfilm seit zehn Jahren. Das narrative Experiment "Elle" (Kinostart: 24. Februar) lebt dabei vollkommen vom Spiel der Isabelle Huppert - und verstört gängige Sehgewohnheiten.

Michele ist eine unabhängige Frau, die als Gründerin eines Videospielunternehmens in der gutbürgerlichen Pariser Oberschicht zwar alleine lebt, mit ihrem Ex- Mann und dem etwas einfach gestrickten Sohn aber einen guten Kontakt und einen breiten Freundeskreis hat. Dann wird sie in ihrem Haus am helllichten Tag von einem Maskierten überfallen und brutal vergewaltigt. Drei Mal ist in verschiedener Schnittfassung diese zentrale Sequenz im Verlauf des Films zu sehen. Sie eröffnet gleich zu Beginn aus dem Schwarzbild heraus den Gang der Dinge - und doch wird bis zum Schluss ungeklärt bleiben, ob Micheles Schreie rein aus Schmerz oder doch auch aus Lust gellen.

Denn Michele reagiert anders, als die Konventionen es von einem Gewaltopfer verlangen würden. Ihre Empfindungen bleiben im Ungefähren. Sie bleibt äußerlich nicht nur ruhig, sondern geradezu kühl, auch wenn sie bald Pfefferspray und eine Axt kauft. Zur Polizei geht sie allerdings nicht, was auch mit ihrer traumatischen Kindheit zusammenhängt, die von einem schrecklichen Verbrechen überschattet ist. Letztlich lässt sich Michele auf ein Katz- und- Maus- Spiel mit ihrem Angreifer ein, der sie weiterhin bedrängt. Und die Rollen von Katze und Maus sind bald anders verteilt als man erwartet.

Hierfür lässt sich "Elle" allerdings Zeit, handelt es sich doch nicht um einen Thriller, sondern um ein Psychogramm, das den Zuschauer auf eine verworrene Reise mitnimmt. Nie weiß man, welche Wendungen sich in der Narration ergeben, wohin der erratische Weg Michele führen wird - eine Frau jenseits der Konventionen, die sich nicht als Opfer sehen will, ihr Leben nicht von einer Gewalttat bestimmen lassen will.

Letztlich zeigt "Elle" die Selbstermächtigung einer ohnedies starken Frau, die sich von den Dämonen ihrer Vergangenheit und der Fixierung auf Männer löst. Diese unterschiedlichen Gefühls- und Narrationsebenen glaubhaft zu verzahnen, würde ohne Isabelle Hupperts enigmatisches Spiel jedoch nicht funktionieren, ohne das beinahe sphinxhafte Gesicht der 63- Jährigen, würde der Filmvermutlich an seiner eigenen Vielgestaltigkeit kollabieren. Dass Huppert das Werk mit ihrer Leistung zusammenhält, würdigte auch die Oscar- Academy - kann die Französin doch bei der Verleihung am 26. Februar auf den Preis als beste Hauptdarstellerin hoffen.

Als kongenialer Sparringpartner steht ihr der geschulte Provokateur Verhoeven ("Basic Instinct") zur Seite, der mit seiner Verfilmung von Philippe Djians "Oh ..." die gängige Gefühlsschubladen des Hollywoodkinos unterläuft, keine moralische Bewertung des Geschehens bietet. Perversion und Obsession, sexuelle Überschreitungen und mehr oder minder alltägliche Familiendramen haben in dem nicht in Genregrenzen einzuhegenden Werk ebenso Platz wie Thrillerelemente.

In gewissem Sinne ist "Elle" jedoch eine klassische französische Gesellschaftssatire über die Pariser Oberschicht mit ihren Affären und Intrigen. Die einzelnen Sequenzen sind meist leicht überspitzt, überschreiten jedoch nie die Grenze zur Skurrilität. Verhoeven relativiert nichts und lässt doch immer wieder auch Humor einfließen. So reiht sich "Elle" mit der nüchternen und zugleich irritierend surrealen Schilderung sexueller Begierden in eine Tradition von Werken wie "Belle de Jour" - und hat damit durchaus das Zeug zum Klassiker.

APA

Redaktion
krone.at
Kommentare  
Kommentare sortieren nach:
km_num_com
km_datum_formatiert_com
von km_nickname_text_com  
km_text_com
km_kmcom_js_begin_com kmcom_add_trigger("readcomplete","kmcom_set_notify_status(Object({'object_id':km_object_id_com}))"); km_kmcom_js_end_com
km_kmcom_js_begin_com kmcom_add_trigger("readcomplete","kmcom_set_delete_status(Object({'object_id':km_object_id_com, 'status':km_status_com}))"); km_kmcom_js_end_com
Antworten sortieren nach:
km_antworten_com
km_datum_formatiert_com
von km_nickname_text_com  
km_text_com
km_kmcom_js_begin_com kmcom_add_trigger("readcomplete","kmcom_set_notify_status(Object({'object_id':km_object_id_com}))"); km_kmcom_js_end_com
km_kmcom_js_begin_com kmcom_add_trigger("readcomplete","kmcom_set_delete_status(Object({'object_id':km_object_id_com, 'status':km_status_com}))"); km_kmcom_js_end_com
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).
Werbung
Werbung
Meistgelesen
Werbung
Angaben gem ECG und MedienGesetz: Medieninhaber, Hersteller und Herausgeber bzw. Diensteanbieter
Krone Multimedia GmbH & Co KG (FBN 189730s; HG Wien) Internetdienste; Muthgasse 2, 1190 Wien
Krone Multimedia © 2017 krone.at | Impressum